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[Original] medienkonverter: Konzert-Review: Nightwish, Leipzig, 23.02.2008 (2008-02) - Reviews

Quelle: medienkonverter
Autor: Enrico


Selten war die Vorfreude auf ein Konzert größer als heute Abend. Nach dem Rauswurf der großartigen Tarja Turunen prophezeiten nicht wenige „Experten“ das baldige Ende der finnischen Chartstürmer. Doch alles sollte ganz anders kommen. Mit Anette Olzon präsentierte man im letzten Jahr einen weitgehend unbekannten Ersatz. Der Mut wurde belohnt. Anette sang sich auf „Dark Passion Play“ direkt in die Herzen der Fans und auf Platz 1 der deutschen Albumcharts. Doch der endgültige Beweis ihres Könnens, muss sie nun auch auf den Bühnen der Welt bringen - was sie bisher zum Großteil mit Bravour geleistet hat. Nach einem einmaligen Gastspiel auf dem „On A Dark Winter’s Night“-Festival in Oberhausen, steht die erste Deutschlandtour auf dem Reiseplan. Also Anette – lass Rocken!

Als Fotochefin Tine, Kollegin Nadine und ich kurz vor 19 Uhr an der Arena ankommen, besteht die erste wichtige Aufgabe darin, sich an der ewig langen Schlange vor dem Eingang herum zu schlängeln – und sie wird mit Bravour gemeistert. Also ab zur Garderobe, wo das erste Mal leichtes Bauchweh aufkommt: 1,50€ für ein Kleidungsstück ist schon ziemlich heftig, aber was soll’s. Der auf Event getrimmte Gast bezahlt es zähneknirschend und marschiert sofort zum Bierstand – 3,50€ für ein 0,4 Pils ist auch nicht wirklich billig, aber auch das zahlen wir noch gerne. Jetzt aber rein ins Vergnügen. In der sehr geräumigen Mehrzweckhalle haben sich bereits viele Fans ein Plätzchen gesucht, im Hintergrund läuft Nickelback, auf den Leinwänden wird Werbung für diverse Schlager- und Volksmusikveranstaltungen gemacht und irgendwie komm ich mir bei dem anwesenden Publikum auch wie auf einer vor. Klar gibt es auch viel junges Volk und vereinzelte Kuttenträger, doch der Großteil ist „Normalo“ oder ab 35 aufwärts. Ob da heut die Luzi richtig abgeht? Erste Zweifel schleichen sich ein.

Doch dann der Schock. Im Gespräch mit einem Securityagenten, erfahre ich, dass PAIN wohl nicht auftreten werden. Zwar hatte man einen Soundcheck nachmittags versucht, ihn aber wohl abgebrochen. Über das Warum konnte mir der Mann keine Auskunft geben, doch meine Laune war fürs Erste leicht gedämpft. Als dann noch die Durchsage durch die Halle geschossen kam, dass man ja aus Rücksicht auf Nichtraucher das Paffen bleiben lassen sollte und sogar die Handys abstellen möge, frage ich mich schon kurz, wo ich hier gelandet bin. Ist das alles noch Metal? Außerdem ist es eine bodenlose Frechheit, nicht auf den gecancelten PAIN-Auftritt hinzuweisen. Zum Runterkommen greif ich mir schnell was Essbares von den umherlaufenden Brezelmännern – schon besser!

Dann geht’s endlich los – "Krieger" beginnen ihr Set und rocken gleich ordentlich drauf los. Mit ihren leicht provokanten Texten, die irgendwo zwischen Punk, Rammstein und Onkelz anzusiedeln sind, sowie ihren an Emigrate erinnernden Songs, vermögen sie die Besucher annehmbar zu unterhalten. Songs wie „Krieger“, „Gib mir einen Kuss“ oder das rotzige „Heimat“ wissen zu unterhalten. „Heimat, Heimat, mir ist kalt!!!“ – dann zieh dir doch was an Mann.

Zwischendurch eingebaute Gitarren-Soli überzeugen ebenfalls, so dass KRIEGER mit ihrem knapp dreißigminütigen Auftritt, die Chance vor so einer großen Besucherschar zu spielen, genutzt haben. Mal sehen was die Zukunft für die Jungs so alles mit sich bringt. Nun sollten ja eigentlich PAIN an der Reihe sein, doch schon die Bühnenumbauten deuteten für den geübten Konzertbesucher nicht auf Mastermind Peter Tägtgren sondern auf unsere finnischen Überflieger. Als dann beim Soundcheck schon die ersten Keyboardschwaden eingespielt wurden, ist zumindest mir endgültig klar, dass wir alle auf die Industrialmetaller verzichten müssen.

Um kurz vor halb 10 ist es dann endlich soweit. Die Lichter gehen aus – ein düsteres Intro durchzieht die prima gefüllte Arena zu Leipzig. Jubel keimt auf, als die Jungs von Nightwish nach und nach die Bühne betreten – doch wo ist Anette? Ein Lauter Knall, ein kollektiver Schrei – Feuer Frei! Die Pyros werden zur Höchstleistung aufgefordert, als Anette plötzlich auf der Bühne steht und mit der aktuellen Single „Bye Bye Beautiful“ sofort in die Vollen geht. Anette strahlt und verbreitet eine unglaublich freundliche und warme Stimmung auf der Bühne. Die Fans in den ersten Reihen fressen ihr aus der Hand und feiern die zierliche Schwedin nach Leibeskräften. Tuomas bangt wie ein Wilder an seinen Keyboards während Anette und Marco sich heftig duellieren und dabei prächtig harmonieren.

Mit „Cadence Of Her Last Breath“ folgt zugleich ein weiterer Track ihres aktuellen Erfolgsalbums „Dark Passion Play“. Auch hier lassen sich die Pyros nicht Lumpen und bilden zusammen mit der Band einige wunderschöne Momente. Die Musik verkommt teilweise zu einem „bloßen“ Soundtrack – hier gibt’s was für die Augen und für die Ohren. „Are we gonna rock?“ – „Geht es Euch gut?“ Anette begrüßt das Leipziger Publikum auf Deutsch und macht auch dabei eine prima Figur. Überhaupt kommt die Schwedin mit ihrem lockeren Auftreten und ihren frechen Ansagen wunderbar beim Publikum an und weiß die Masse zu unterhalten.

Nun sollte aber mit „Dark Chest Of Wonders“ der erste Song aus der Tarja-Ära folgen. Gespannt war ich, nervös und unglaublich interessiert, wie die süße Anette in die großen Fußstapfen ihrer Vorgängerin passen würde. Und ich muss sagen, es passt. Zwar noch nicht wie angegossen, aber besser als von mir erwartet, trällert sie sich durch fünf Minuten Highspeed-Bombast-Metal. Das Publikum honoriert diese Leistung und spendet frenetischen Applaus – Jubel!

Noch ein Album zurück geht es mit „Everdream“. Ebenfalls im oberen Geschwindigkeitsdrittel anzusiedeln, kann hier leider Anette nicht ganz an Tarjas Glanzleistungen anknüpfen. Dafür kann sie sich wunderbar an Gitarrist Emppu anschmiegen, der aber seinem geliebten Sechssaiter treu bleibt und sich nicht ablenken lässt. Marco unterstützt Anette beim großen Finale und gemeinsam passt dann wieder alles zusammen was zusammen gehört.

Was uns die gute Anette bei der folgenden Ansage mitteilen möchte, bleibt mir schleierhaft. Zunächst schnattert sie drauf los, dass auch sie ganz schön „dirty“ sein kann. Dann bleibt sie beim heutigen Samstag-Abend hängen und das deshalb ja noch sicher einiges geht – aber die Jungs doch bitte Kondome benutzen sollen. Schon richtig, aber bitte das nächste Mal eine bessere Einleitung für „Who Ever Brings The Night“. Auf dem aktuellen Album nicht gerade eines der Highlights, kann es live doch mächtig punkten. Druckvoller und mit mehr Energie steht die Live-Umsetzung diesem Song um einiges besser.

Schlag auf Schlag geht es jetzt. Mit „Amaranth“ wird der nächste Single-Hit in die Massen geschleudert. Die Bühne färbt sich gelb, während Anette immer wieder das Publikum animiert, noch mehr Stimmung zu machen. „Hey hey hey“ – und alle gehorchen ihr aufs Wort. Etwas besinnlicher wird es mit dem folgenden „The Islander“. Annette verlässt die Bühne und überlässt zunächst Marco ganz allein das Mikro, der zusammen mit Emppu auf Hockern dieses wunderschöne Seemannsliedchen zum Besten gibt. Dezente Flammen auf der Bühne lassen Lagerfeuerstimmung aufkommen. Doch Wirbelwind Anette hält es nicht hinter der Bühne und kommt im Laufe des Liedes zurück und schließt sich Marco an.

Nach soviel Harmonie und Knuddelstimmung wird es Zeit für die finsteren Momente, die wilden Stürme der Seele. „The Poet And The Pendulum“ wird angekündigt – dass laut eigener Aussage, intimste und persönlichste Stück aus Tuomas Feder. Knapp 15 Minuten ziehen Nightwish nun alle Register, vom höchsten Hoch bis zum tiefsten Tief. Dieser Song lässt einen nicht unberührt und wird zum musikalischen Highlight dieses Abends. Aufbrausend, mitreißend um im nächsten Moment an der eigenen Zerbrechlichkeit fast unterzugehen. Pyros kommen ebenfalls zum Einsatz, brennende Windmühlenräder und rote Lamettaschlangen werden aufs Publikum losgelassen – eine viertel Stunde Flucht ins Spektakel. Da kommen selbst die Sitzmetaller auf den Tribünen ins Schwitzen.

Das anschließende „Dead To The World“ kann eigentlich gegen den Vorgänger nur abstinken, doch Überraschung Überraschung – das Niveau bleibt weiter oben. Leider trifft das hier nur auf Marco zu, denn das Duett zwischen ihm und Anette verkommt zur One-Man-Show. Marco singt Anette voll gegen die Wand und lässt sie für wenige Minuten nur zum süßen Beiwerk verkommen. Offensichtlich braucht Anette mal einige Augenblicke Pause, denn bevor es weitergeht schnappt sich Marco das Mikro sowie eine Flasche Wodka. Nachdem er einen kräftigen Schluck genommen und sich natürlich für den unglaublichen Support der Fans bedankt hat, kommt er zum Thema PAIN.

Er merkt an, dass die Fans sicherlich drei Bands erwartet hatten, doch bedauerlicherweise PAIN ihren Auftritt streichen musste. Die Jungs sind am Vortag wohl in einen „Streetfight“ geraten und haben diverse Verletzungen davon getragen. Peter habe diverse Stichwunden im Gesicht davongetragen, so dass an einen Auftritt heute nicht zu denken war. Er verlangt dennoch, bzw. gerade deswegen einen fetten Applaus für die Jungs, der natürlich nicht lange auf sich warten lässt.

Anette haben die zwei Minuten Pause hörbar gut getan, denn bei „Sahara“ kehrt sie zu alter Frische zurück. Marco bekommt der Wodka ebenfalls. Er zockt, zieht Grimassen und spielt schon mal Bass zwischen den Beinen von Emppu. Auch hier bleibt Emppu aber stark. Eine treue Seele der Gute.

Anette kommt jetzt so richtig in Fahrt und schäkert erneut mit dem Publikum. „Alles gut?“ – „Are you tired?“. Ein kollektives „Neeeee“ bläst ihr entgegen. Soviel Wind macht offensichtlich durstig. Sie schnappt sich eine Flasche H2O, nimmt ein Schlückchen und übergibt es den ausgepowerten ersten Reihen. Dann kommt das Zitat des Abends, während einer Unterhaltung mit Marco. „of cause they drink – we are in germany!“. Gefolgt von „Ladies and Jentleman“ (kein Scheibfehler!). „It sounds so nice!“. Leider kündigt sie mit dem folgenden Song schon den letzten Song des Abends an. „Nemo“ ertönt und als wenn es die Ankündigung für den Abschluss gebraucht hat, fängt die Arena zu Leipzig zu feiern an.

Die Fans springen, sogar die Sitzmetaller hält es nicht mehr auf den Stühlen. „Nemo“ wird tierisch durchgerockt. Anette singt wirklich himmlisch, während Kunstschnee die halbe Halle in eine prächtige Winterlandschaft verwandelt. Der Jubel kennt keine Grenzen mehr als sich Anette mit den Worten „now i will go to the toilett“ verabschiedet. Minutenlange „Zugabe, Zugabe“-Rufe lassen die Arena erbeben, bevor sich die Jungs und das süße Mädel zurück auf die Bretter begeben. „Wishmaster“ stampft aus den Boxen. Marco und die vor Jukkas Drums tanzende Anette teilen sich den Refrain und fahren wahrlich schweres Geschütz auf.

Anette kommt noch einmal auf die Jungs von PAIN zurück und erklärt, dass ihr Herzel besonders für die Schweden pocht, immerhin kommen sie ja aus dem gleichen Land. Doch dann ist es unwiderruflich soweit. Der letzte Song des Abends steht an. Während man mit dem Tanzflächenfüller „Bye Bye Beautiful“ vor gut 90 Minuten begonnen hat, beendet man den Gig mit dem zweiten Diskoreißer der Diskografie: „Wish I Had An Angel“.

Noch ein letztes Mal geben die Fans alles, sogar die Kuttenfraktion lässt sich zum Headbangen verführen. Die Pyros knallen, Papierschnipsel regnen in die Menge, während Marco und Anette ein letztes Mal sich gegenseitig zur Höchstleistung antreiben. Dann ist Feierabend. Die Band (v.a. na wer wohl?) knuddelt die auf der Bühne liegenden Teddys und Schafe, verbeugt sich vor dem Leipziger Publikum und sagt auf Wiedersehen!

Ein durch den krankheitsbedingten PAIN-Ausfall viel zu kurzer Konzertabend geht somit zu Ende. Krieger konnten punkten, PAIN leider nicht und Nightwish legten eine großartige Show ab. Auch wenn Anette nicht bei allen Songs perfekt glänzen konnte, überzeugte sie mit ihrem Auftreten, ihrem Umgang mit der Band mit dem Publikum. Diese neue Fröhlichkeit und Lockerheit steht Nightwish unglaublich gut und lässt auf viele spannende und unterhaltsame Konzerte in der Zukunft hoffen. Kiitos & Tack!


Setlist Nightwish:

Intro
01. Bye Bye Beautiful
02. Cadence Of Her Last Breath
03. Dark Chest Of Wonders
04. Everdream
05. Who Ever Brings The Night
06. Amaranth
07. The Islander
08. The Poet And The Pendulum
09. Dead To The World
10. Sahara
11. Nemo
- - - - - - -
12. Wishmaster
13. Wish I had an Angel

Eingetragen von Oceanborn am 15.02.09Artikel auch vorhanden in:  | Druckversion

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